Das “Dort” im Gedächtnis halten. Gegen jegliche gesellschaftliche Demenz

Anmerkungen zu Auschwitz: NRW-Schulministerin Löhrmann folgte einer Einladung des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW. In Münster ermutigte sie Jugendliche zum Gespräch über die Geschichts- und Gedenkkultur. Eine Reportage zu ihrem Besuch in der Villa ten Hompel.
(Textautor: Wilhelm Haentjes. Fotos: Stefan Querl, Villa ten Hompel)


Die Frau am Kopf des Tisches ist hoch konzentriert. Mit wachen Augen folgt sie den wechselnden Ausführungen der drei Schüler, die zu ihr sprechen. Ab und zu nickt sie, stellt eine Verständnis- oder Folgefrage. Sie ist in diesem Moment nicht die Sylvia Löhrmann, die das Ministerium für Schule und Weiterbildung leitet. Die Grünen-Politikerin schlüpft in eine Rolle, die sie eigentlich vor knapp 20 Jahren aufgegeben hat: Sie wirkt wie die Deutsch- und Englisch-Lehrerin, die bis 1995 ihre Brötchen
an einer Solinger Gesamtschule verdient hat. Sie ist nicht Frau Ministerin, sondern Frau Löhrmann.

Die stellvertretende Ministerpräsidentin folgte am 1. Juli der Einladung des Arbeitskreises aller NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen sowie der Stadt Münster und traf sich in der
Villa ten Hompel mit Schülerinnen und Schülern der Kardinal-von-Galen-Realschule Mettingen. Sie selbst sprach bei diesem Besuch nicht viel – sie lauschte eher den Worten von Nele Markmeyer, Rhea Schmidt und Henning Overberg. Die drei Zehntklässler waren Teil einer Schülergruppe, die im April die KZ -Gedenkstätte Auschwitz im polnischen Oświęcim besuchten. Fast ein Jahr lang bereiteten sie sich zum Teil außerhalb des Unterrichts auf die Fahrt vor – und konnten von Eindrücken berichten, die sich wohl in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten.

„Als ich von dem Turm aus das gesamte Gelände überblicken konnte, war ich schockiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dort so viele Menschen gelebt haben. Und sterben mussten“ Rhea trägt die Bilder mit sich. Den Gang durch das ehemalige Lager kann sie detailliert beschreiben. Während sie sich erinnert, suchen ihre Augen nicht den Blick der Ministerin oder ihrer Mitschüler, sondern einen unsichtbaren Punkt an der Wand. „In Birkenau, als ich am Block von Erna de Vries stand, musste ich an sie denken. Sie war damals so alt wie ich – ichkann mir das immer noch nicht vorstellen.“ De Vries besuchte die Schüler im Vorfeld der Auschwitz-Fahrt und berichtete von ihren Erlebnissen im KZ. Während die Mithäftlinge um sie herum einer nach dem anderen starben, überlebte de Vries sogar die Todesmärsche. Die neu gewonnene Freiheit verbringt sie in Deutschland, bis heute lebt sie im Emsland und erzählt ihre Geschichte in Schulen.

Henning ist etwas anderes im Gedächtnis geblieben. „Wir standen dann dort, wo einmal die Todeswand war. Menschen mussten dabei zusehen, wie ihre Angehörigen erschossen wurden. Danach wurden sie selbst vor die
Wand gestellt.“ Er hat erst einmal genug von Gedenkstätten. Die intensive Vor- und Nachbereitung, der emotionale Besuch von Auschwitz – das alles muss auch noch verarbeitet werden. „Aber ich bin froh, dass ich das gemacht habe.“ Nele bringt dann das auf den Punkt, was wohl jeder aus dem Trio so unterschreiben würde: „Ich wäre nie alleine dorthin gefahren. Das alles gemeinsam mit Freunden zu erfahren und zu erleben war mir sehr wichtig.“ Die Fakten der Nazi-Gräuel werden im Unterricht auf den Punkt und in den Kopf erbracht. Um wirklich Schlüsse daraus zu ziehen, muss das Herz erreicht werden. Rhea sucht wieder den
Punkt an der Wand: „Als wir dort waren, schien die Sonne. Es war unwirklich. Im Winter oder Herbst, wenn Schnee oder Laub fällt, wäre das alles einfacher zu begreifen dort.“

Dort. Rhea, Nele und Henning packen den Todesapparat von Auschwitz in vier Buchstaben, den Ort selbst benennen sie kaum. Sylvia Löhrmann war auch dort. Am 27. Januar 2013 nahm sie an den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten zum 68. Jahrestag der Befreiung des Lagers teil. Als Ministerin will sie sich nicht nur mit Schulgesetzen herum schlagen, sondern nach eigenem Bekunden auch die Erinnerungskultur als Möglichkeit
der politischen Bildung für Kinder und Jugendliche vorantreiben. „Erinnern, das heißt die Zukunft gestalten.“ In NRW wird dieses Thema an vielen Baustellen beackert, aktuell sortiert das Ministerium die verschiedenen Angebote. „Wir wollen ein Konzept mit Leitlinien erstellen, das die Nutzung von außerschulischen Lernorten
intensiviert.“ Es soll ein Netzwerk entstehen zwischen den Akteuren von Schulen, Ministerium und Gedenkstätten. Aber, und darauf legt sie Wert, das Ganze geschieht nicht von heute auf Morgen. „Wir gehen das Schritt für Schritt an, nicht auf Knopfdruck. Es geht um einen nachhaltigen Lerneffekt.“ Die Schüler sollen nicht auf die nächste Klassenarbeit vorbereitet werden, sondern ein Stück Lebensbildung mit an die Hand bekommen.

Genau darauf kommt Prof. Dr. Alfons Kenkmann an. Der Vorsitzende des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen sieht die Einrichtungen wie die Villa den Hompel als ein Medikament gegen „die Demenz auf dem Gebiet der Erinnerungskultur.“ Umso wichtiger sei es, nicht nur Fahrten wie die nach Auschwitz zu ermöglichen, sondern auch an authentischen Plätzen eine fundierte Vor- und Nachbereitung zu gewährleisten. Diese didaktischen Schnittstellen ersetzen den Geschichtsunterricht zwar
nicht, aber sie ergänzen ihn um ein wertvolles Gut. „Wir vermitteln Wissen, Orientierung und Reflexion – nicht nur Fakten.“ Christoph Spieker sagt das nicht ohne Stolz. 190 Schulklassen konnte der Leiter der Villa im vergangenen Jahr am Geschichtsort begrüßen.

Zum Abschluss trägt sich die Ministerin noch in das Gästebuch ein. Sie gibt den Stift an Rhea weiter und fragt, was man bei der Vor- und Nachbereitung anders machen könnte. Dieses Mal schaut sie der Ministerin fest in die Augen. „Nichts. Es ist gut so, wie es ist.“