“Als Opfer kann ich nicht länger schweigen vor Scham.”

Erstmals sprach der 30-jährige Ibrahim Arslan in einer Schule als Zeitzeuge

Ibrahim Arslan hat als Kind nur knapp den Brandanschlag von Mölln überlebt. Der 30-Jährige folgte jetzt einer Einladung des Fördervereins in Kooperation mit “Gegen Vergessen – Für Demokratie”. Er diskutierte in Coesfeld mit zwei Pädagogikkursen des Heriburg-Gymnasiums über die Ursachen und Folgen rechtsextremer Gewalt.

Der Junge, der überlebt hat, ist heute ein Mann. Ein türkischstämmiger Deutscher, der als Opfer rechter Gewalt kein Blatt vor den Mund nimmt und Forderungen stellt. Das Heriburg-Gymnasium hat ihn nach Coesfeld eingeladen. Erstmals spricht er in einer Schule als “Zeitzeuge”, jedoch zur jüngsten deutschen Vergangenheit, als die Serie rechtsextremer Gewalt im Lande nicht abriss.

Ibrahim Arslan war sieben, als am 23. November 1992 das Haus der Familie in Mölln von den Brandstiftern Michael P. und Lars C. mit Molotowcocktails angezündet wurde. Eng an den Kühlschrank in der Küche gekauert wird Ibrahim von der Feuerwehr gerettet – für seine Oma Bahide (51), Cousine Ayşe (14) und seine Schwester Yeliz (10) kommt jede Hilfe zu spät.

Täter-Opfer-Umkehr

Benjamin Rensch (mittig) von der Villa ten Hompel moderierte die Runde.

Noch in der Tatnacht 1992 rufen die Neonazis in Schleswig-Holstein selbst bei der Polizei an: “Wir haben ein Haus in der Mühlenstraße angezündet. Heil Hitler!” Dennoch kursieren in Mölln Gerüchte, Ibrahims Vater Faruk hätte seine Familie in der Wohnung eingesperrt und dann das Haus angezündet. “Diese Umkehrung von Täter- und Opferperspektive ist keine Erfindung des NSU-Terrors”, sagt Ibrahim Arslan. Es sei ein gesellschaftlicher “Reflex”, der bei Übergriffen mit rechtsextremen Motiven oft auftrete. “Auch in Köln ermittelte die Polizei erst in die falsche Richtung.”

Die Täter von Mölln wurden später zu langen Haftstrafen verurteilt, sind aber längst wieder auf freiem Fuß. Die Opfer sind weiter gefangen in ihrer Geschichte. “Ich bin eines der Opfer”, betont Arslan. “Aber ich kann nicht länger schweigen vor Scham.”

Einladung durch ein engagiertes Team

Deshalb ist er der Einladung des Heriburg-Gymnasiums gefolgt. Er spricht mit dem Grund- sowie dem Leistungskurs Pädagogik unter Leitung von Monika Bulla. Horst Wiechers, Geschäftsführer und Schatzmeister des Fördervereins Villa ten Hompel in Münster und Sprecher des Netzwerks “Gegen Vergessen – Für Demokratie” im Münsterland, und Stefan Querl, stellvertretender Leiter der Villa ten Hompel, ermöglichten mit ihr das Forum gegen Rassismus. Sie empfingen den Gast mit den Oberstufenschülerinnen und Moderator Benjamin Rensch vom Team in der Villa ten Hompel. Die NS-Erinnerungsstätte, Schulleiter Christian Krahl und sein Stellvertreter Hermann Rosen kümmerten sich extra mit der Berliner Bundesgeschäftsstelle und der Online-Beratung von “Gegen Vergessen – Für Demokratie” um den passenden Rahmen für die Diskussion. Sie hinterließ tiefen Eindruck bei den jungen Erwachsenen in Coesfeld.

Nach Ostern werden sie zu ihren Abiturprüfungen antreten. Vor dem Abschied aus dem Unterrichtsalltag nahmen sie sich bewusst nochmals Zeit für eine Reflexion und für diese Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und den Folgen. Sie informierten sich anhand des Materials der “Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus und für Demokratie” im Münsterland, das auch online verfügbar ist auf der Seite www.mobim.info.

“Das darf niemals geschehen.”

Herzlicher Abschied nach einem ernsten Diskussionsworkshop im Heriburg

Manchmal, wenn Ibrahim über die Geschehnisse der Nacht damals redet, muss er laut Husten. Das dumpfe, trockene Geräusch aus seiner Kehle ist traumabedingt. Seine Frau, seine zwei Söhne, er selbst – alle haben sich daran gewöhnt. Je näher aber immer im Herbst der Jahrestag des Anschlags rückt, desto heftiger wird es. “Wir sind die Hauptzeugen. Es ist unsere Geschichte.” Und die offen zu erzählen, fällt ihm nicht leicht. Sie zu verdrängen, sei aber keine Option, so Arslan, im Gegenteil. “Wenn wir unsere eigene Geschichte vergessen, spricht irgendwann keiner mehr darüber”, mahnt er die Heriburg-Kurse sehr eindringlich. “Das darf niemals geschehen. Nie.”

Text: Willi Haentjes (unter Zuarbeit von Stefan Querl). Fotos: Villa ten Hompel, Stefan Querl.

[Bild rechts: Herzlicher Abschied nach einem ernsten Diskussionsworkshop im Heriburg: Schulleiter Christian Krahl und Horst Wiechers vom Förderverein Villa ten Hompel und dem Netzwerk Gegen Vergessen – Für Demokratie (beide im Bildhintergrund), bedankten sich bei dem Gast Ibrahim Arslan (4.v.l.), bei Monika Bulla (mittig), Leiterin der beiden Pädagogik-Kurse in der Stufe Q2, und bei dem Moderator Benjamin Rensch (2.v.r.). Die Schülerinnen (v.l.n.r.) Anika Oudemaat und Ellen Wienk-Borgers, ihr Mitschüler Max Siebert und Mitschülerin Bianca Weitkamp (r.) hatten den Projekttag mit dem Team der Villa ten Hompel geplant.]